Hausarzt

Die aktuelle Ausgabe (September 2016)

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Medizin versus Ökonomie

Medizin bezeichnet die Wissenschaft vom gesunden und kranken menschlichen Organismus, von seinen Krankheiten, ihrer Heilung und Vorbeugung. Der Begriff Ökonomie umfasst kurz und knapp den wirtschaftlichen Verbrauch von Waren und Geld. Das Gesundheitswesen hat als übergeordnetes Ziel eine qualitativ hochstehende und zugleich finanzierbare Gesundheitsversorgung für die gesamte Bevölkerung. Ökonomisches Handeln wird im medizinischen Kontext oft mit Sparen assoziiert. Sollte die Aufgabe der Ökonomie aber nicht darin liegen, medizinische Ressourcen sinnvoll zu verteilen, um die Versorgung der Patienten zu verbessern, anstatt lediglich Gelder auf Kosten von Qualität und Gerechtigkeit zusammenzuhalten? Ein Problemaufriss mit vielen Blickwinkeln und doch ohne echte Lösungen.

 

Theoretische Lösung

Zur Vermeidung bzw. Verringerung von Konflikten zwischen Medizin und Ökonomie, die letztendlich alle auf Kosten einer effizienten, zielführenden Patientenversorgung gehen, ist es umso wichtiger, den wahren Kerngehalt der Medizin nicht aus den Augen zu verlieren und vor allem nicht aufs Spiel zu setzen. Dieser Kerngehalt besteht aus einer fürsorglichen, respekt- und vertrauensvollen Beziehung zwischen dem Arzt und dem Patienten sowie aus einer bedürfnisorientierten Versorgung der Bevölkerung. Genau hier liegt laut Dr. Dachs das Problem: „Viele Ärzte, auch Allgemeinmediziner, entfernen sich vom eigentlichen ärztlichen Denken und Handeln. Es herrscht eine überzogene Technikgläubigkeit, Knie werden nicht mehr untersucht, sondern durch MRI-Bild angeschaut, Lungen werden nicht mehr abgehört, sondern durch das HR-CT beurteilt. Da geht viel an Patientenzuwendung verloren, das System wird teurer, Qualität und Versorgung verschlechtert. Diese Entwicklung ist bedenklich!“ Der finanzielle Aufwand sollte nachhaltig leistbar sein und in einem angemessenen Verhältnis zum Nutzen stehen. Nicht zuletzt zählen das Bemühen um Effizienz, das nicht zulasten einer qualitätsvollen Versorgung geht, und die Wertschätzung für Ärzte sowie andere Gesundheitsberufe in ihrem Arbeitsumfeld zum Kerngehalt der Medizin.

 

Auch eine Frage der Ethik

Die Ethik versucht als philosophische Disziplin, Fragen der Ressourcen und Verteilungsprobleme nach den Kriterien der Gerechtigkeit zu beantworten. Gesundheit als besonderes Gut wird je nach Blickwinkel unterschiedlich definiert. Auf individueller Ebene ist nichts zu teuer, sind Alter und Status belanglos, ist der Zugang zu jeder medizinischen Leistung selbstverständlich. Volkswirtschaftlich und realistisch betrachtet, lässt sich die Kostenentwicklung nach derzeitigem Wissens-, Erfahrungs- und Entwicklungsstand aber nicht bewältigen. Aus Sicht der Mikroallokation soll die Verteilung der Mittel unter konkreten Patienten durch den Arzt erfolgen. Letztendlich ist diese Fragestellung die für den Arzt in seiner Ordination entscheidende, insbesondere wenn es um Zeiteffizienz geht: Wem soll man sich wann, wie lange und in welchem Umfang widmen? Im niedergelassenen Bereich kann der Gerechtigkeit in dieser Form kaum Genüge getan werden. Die ökonomische Denkweise steht durch die konsequente Fokussierung der Kosten-Nutzen-Rechnung zunehmend im Konflikt mit der ärztlichen Ethik.

 

Mag. Julia Wild