Allergien werden mehr- Warum

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Allergien werden mehr - warum?

Von Erika Jensen-Jarolim und PD DDr. Isabella Pali-SchoelErika Jensen-Jarolim und PD DDr. Isabella Pali-Schoel

 

Erstmals im Allergiebericht 2006 dokumentiert, liegen die Zahlen für Allergien heute in Österreich bei 22 bis 27 Prozent der Bevölkerung. Die Inzidenz steigt und es gibt einige Erklärungen dafür. Siehe Abbildung 1:

 

Lebensstilfaktoren

Rauchen erhöht das Allergierisiko prinzipiell. Man findet in Bluttests erhöhte Mengen an IgE Immunglobulinen, die spezifisch gegen Allergene, die meist Eiweißkörper sind, gerichtet sind, oder auch - neben genetischen Faktoren - das Risiko einer atopischen Erkrankung erhöhen: Neurodermitis, Heuschnupfen, Asthma. Diese Vermehrung nennt man auch Allergiekarriere oder atopischer Marsch. Oft bedeutet eine Allergie an einem Organ eine nachfolgende Ausweitung auf andere Organe, beispielsweise von Heuschnupfen am Beginn auf Bronchialasthma, was als Etagenwechsel bezeichnet wird. Kinder rauchender Eltern haben ein erhöhtes Risiko.

 

Ein weiterer Faktor ist die sterile Umgebung, in der wir leben, Stichwort Hygienehypothese. Sie besagt, dass ungenügendes Training des Immunsystems durch mangelnde Schmutzkontakte und Wurminfektionen dazu führt, dass seine Reaktivität sich gegen harmlose Proteine, wie eben Allergene, richtet. Bestes Beispiel war die Berliner Mauer: Im Osten (DDR) waren hauptsächlich Bronchitiden durch grobpartikuläre Luftverschmutzung vorhanden, im Westen (BRD), wo eher Feinstäube vorliegen, Allergien. Nach dem Fall der Mauer wurde dieser Unterschied innerhalb weniger Jahre aufgehoben. Man weiß auch, dass Behandlung von Wurminfektionen (die mit hohen IgE Werten einhergehen) zur Entstehung einer Allergie beitragen, da sich die überschießende IgE-Bildung dann gegen unsinnige Komponenten richtet.

 

Umweltfaktoren:

Abgase erhöhen die Allergen-Produktion in Pflanzen, und machen die Allergene aggressiver. Arbeiten der Forschungsgruppe von Univ. Prof. Dr. Albert Duschl der Univ. Salzburg zeigen, dass Autoabgase Allergene durch chemische Reaktionen verändern und durch Verklumpung größere Aggregate entstehen lassen. Er und seine Gruppe konnten zeigen, dass diese Aggregate weit allergener als unveränderte Eiweiße waren. Außerdem reagieren unsere Pflanzen auf Umwelteinflüsse: Infektionen, Ozonbelastung, Dieselabgase, Austrocknung und Salzbelastung bedeuten Stress für viele Pflanzen. In Stressbelastung produzieren sie höhere Mengen an Allergenen, die in der Pflanze oft eine Schutzfunktion haben. Daher beobachten wir im Stadtgebiet, besonders durch Ozon-begünstigende Wetterlagen (die es aber auch in höheren Lagen gibt), eine erhöhte Allergenproduktion, weil sich die Pflanzen schützen wollen.

 

Was uns auch vermehrt zu schaffen macht, ist der anstehende Klimawandel, der die Blühzeiten vieler Pflanzen verlängert, ein bis zwei Wochen verfrüht, oder auch zu mehreren Blühperioden im Jahr führen kann. Beispielsweise am Großglockner hat nach einem überraschenden Wintereinbruch im Sommer 2006 der Enzian, dessen Samen ausschließlich nach Gefrier-Stimulus sprießen, ein zweites Mal geblüht. Enzian-Allergie ist allerdings noch nicht bekannt. Im Zusammenhang mit Allergien gibt es aber häufigere, viel wichtigere Beispiele, wie z. B. Das Traubenkraut Ambrosia (engl: ragweed) mit Haupt-Blühzeit im August bis Oktober. Es wurde ursprünglich mit Flugzeugen im ersten Weltkrieg aus Amerika eingeschleppt und fand in den ungarischen Tiefebenen nahrhaften Boden. Seither vermehrte es sich rasant und wandert mit einer Geschwindigkeit von 1 bis 2 km pro Jahr nach Osten. Dieses Kraut ist genügsam und wächst an Haiden und Autobahnrändern, und enthält sehr potente Allergene. Mittlerweise hat es Österreich schon lange erreicht und ist von Neusiedler See bis Salzburg etabliert. Aktuell rechnet man damit, dass für die Behandlungskosten eines österreichischen Ragweed Patienten pro Jahr 633.- € ausgegeben werden. Das sind gesamt pro Jahr 88 Mio €, wenn man davon ausgeht, dass 30 Prozent der Allergiker gegen Ragweed reagieren. Dies wurde auf der eigens abgehaltenen „Ragweed-Konferenz“ in St. Pölten, NÖ. am 11. September 2007 berichtet. Einer der Protagonisten der Tagung in St. Pölten war Prof. Siegfried Jäger von der HNO-Klinik der Med. Universität Wien

Mehr Information: http://www.noel.gv.at/Gesundheit/Gesundheitsvorsorge-Forschung/Umweltmedizin-und-Umwelthygiene/GS2_Gesundheitsvorsorge_Ragweed.html

 

Medikamente:

Wir alle leiden durch vermehrte Belastung an Stress. Die Lebensstilfaktoren umzustellen ist oft schwerer, als zwischendurch Schmerzen mit Medikamenten zu behandelt und Arbeitsausfälle zu verhindern. Stress begünstigt jedoch Magenerkrankungen, von Gastritis bis zu Magengeschwür. Als Therapie werden Magensäureblocker oder -neutralisatoren eingesetzt. Sie hemmen die Magensäure und fördern daher den Heilungserfolg. Diese Medikamente gehören heute zu den Bestsellern der Pharmaindustrie (siehe Abb. 2, die freundlicherweise von der Kärntner Gebietskrankenkasse zur Verfügung gestellt wurde).

 

Arbeiten unserer Gruppe am IPP-Institut für Pathophysiologie der MUW haben aufgezeigt, dass bei diesen Therapien ein erhöhtes Risiko für Sensibilisierung und Auslösung einer Nahrungsmittelallergie besteht.

 

Wir appellieren daher, dass in der Zukunft diese Medikamente ausschließlich bei strenger Indikation verschrieben werden, bzw. die Patienten sie nicht unkontrolliert zu sich nehmen sollen. Weiters empfehlen wir die Begleitung durch Magenschonkost während diesen Therapien.

 

Genderfaktoren:

Es ist heutzutage wenig bekannt, dass Frauen ein erhöhtes Allergierisiko, im besonderen für Asthmaanfälle haben, und zwar ab der Geschlechtsreife, in und um die Menstruation herum, während der Schwangerschaft, wenn sie die Pille nehmen und bei Hormonersatztherapien während der Menopause. Dies liegt daran, dass unsere Immunzellen Erkennungsmoleküle (sog. Rezeptoren) für Sexualhormone haben. Es wurde gezeigt, dass der Schwellenwert einer allergischen Reaktion einer Zelle sinkt, wenn gleichzeitig mit dem Allergenkontakt auch Östrogen vorliegt.

 

Außerdem belegen ganz neue Studien, dass es zu einer Allergisierung gegen die Sexualhormone selbst kommen kann. Laut diesen Arbeiten leiden die Betroffenen an Migräne, Gelenksbeschwerden, entzündlichen Hauterscheinungen und zeigen eine Neigung zum wiederholten Abort der Schwangerschaften.

 

 

*Univ. Prof. Dr. Erika Jensen-Jarolim

Leiterin IPP – Institut für Pathophysiologie

Zentrum für Physiologie, Pathophysiologie und Immunologie

Medizinische Universität Wien

Tel: 40400 5120 (Assistentin Frau Sabine Böttger)

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PD DDr. Isabella Pali-Schoell, e-mail: This e-mail address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it.

 

*Lebenslauf:

Erika Jensen-Jarolim studierte Medizin an der Universität Wien und absolvierte 1988-1991 postgraduelle Aufenthalte im Ausland, an den Universitäten Kopenhagen, Dänemark, und Bern in der Schweiz.

Nach einer 4-jährigen Karenz durch Geburten zweier Kinder schaffte sie den Wiedereinstieg 1996 rasch und reichte ihre Habilitation 1998 ein. Es folgte die Gründung der erfolgreichen Arbeitsgruppe für AllergoOnkologie. Seit 2006 leitet sie das IPP-Institut für Pathophysiologie an der Medizinischen Universität Wien und ist Universitätsrätin der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Ihre Arbeiten wurden mit zahlreichen wissenschaftlichen Preisen ausgezeichnet. Zuletzt erhielt sie 2008 als Anerkennung ihrer Forschungs- und Frauenförderungsaktivitäten den WIENERIN Charity Award 2008.

 
 
  
   
   
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