„Wir müssen Menschen helfen – nicht erkrankten Mäusen!“
- Details
- Veröffentlicht am Mittwoch, 01. Dezember 2010 12:23
„Wir müssen Menschen helfen –
nicht erkrankten Mäusen!“

Im Interview mit dem Hausarzt beschreibt der Gastroenterologe Univ.-?Prof. Dr. Walter Reinisch von der Medizinischen Universität Wien, warum eine intensive Beforschung chronisch entzündlicher Darmerkrankungen (CED) so wichtig wäre und wieso es bis zu drei Jahren dauern kann, bis PatientInnen mit diesen Krankheitsbildern korrekt diagnostiziert werden.
Chronisch entzündliche Darmerkrankungen nehmen weltweit stark zu. Am häufigsten treten die Krankheitsbilder Morbus Crohn und Colitis Ulcerosa auf. In Österreich sind rund 80.000 Menschen an CED erkrankt. Obwohl bisher etwa 100 Genvarianten erforscht wurden, die mit diesem Erkrankungen zusammenhängen, deutet vieles darauf hin, dass es eher Umweltfaktoren sind, die zur Entstehung von CED beitragen.
| Warum erkranken immer mehr Menschen an CED?
Reinisch: Die eigentliche Ursache für diese Krankheiten kennen wir nicht. Es gibt zwar genetische Anlagen dafür, die allerdings auch bei Gesunden gefunden werden und damit zu unspezifisch sind, um für die klinische Diagnostik eine Rolle zu spielen. Es scheint aber eine ganze Reihe von Umweltfaktoren zu existieren, die für die weltweite Zunahme an CED verantwortlich sein könnten. Dazu gehört das Rauchen, chronischer Stress und natürlich Ernährungsgewohnheiten. Eine ballaststoff-arme, fett- und zuckerreiche Ernährung reich an rotem Fleisch scheint CED zu begünstigen. Auch eine unkritische Einnahme von bestimmten Medikamenten – Stichwort Antibiotika – könnte zur Entstehung von CED beitragen.
Wie gefährlich sind CED?
Reinisch: Noch in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts verstarben mehr als die Hälfte aller Patienten, die einen schweren Schub einer Colitis ulcerosa erlitten. Aufgrund neuer Behandlungsmethoden konnten wir die Mortalitätsrate bei dieser Erkrankung stark senken. Mittlerweile unterscheidet sich die Lebenserwartung von PatientInnen mit Colitis ulcerosa kaum noch von jener, darmgesunder Personen während die Lebenserwartung bei Morbus Crohn reduziert ist. Bei beiden Erkrankungen leidet die Lebensqualität der Betroffenen dramatisch – es kommt zu chronischen Entzündungen, die zu einer Einschränkung körperlicher Funktionen und zur Verminderung der Leistungsfähigkeit bis hin zur Berufsunfähigkeit führen können.
Welche Risikofaktoren tragen zur Entwicklung einer CED bei?
Reinisch: Rauchen, Stress, Ernährung, vor allem, wenn diese ballaststoffarm und fettreich sowie reich an rotem Fleisch ist. Auch Passivrauchen wirkt sich negativ auf die Darmgesundheit auf. Das konnten wir in einer rezenten Studie belegen. Auch Medikamente wie Antibiotika und Schmerzmittel könnten sich negativ auswirken – hierzu fehlen allerdings noch harte wissenschaftliche Fakten.
Ein weiterer interessanter Faktor ist Vitamin D. Wir sehen ein deutliches Nord-Süd-Gefälle bei CED. Im Norden erkranken deutlich mehr Menschen als im Süden. Und wir wissen, dass etwa die Menschen auf der Nordhalbkugel die meiste Zeit des Jahres hindurch einen Mangel an Vitamin D aufweisen, weil die Sonneneinstrahlung zu gering ist.
Wie ist die Betreuungssituation von CED-PatientInnen in Österreich?
Reinisch: In Österreich existiert bis dato kein offizieller Versorgungsauftrag für PatientInnen mit CED. Chronisch entzündliche Darmerkrankungen kommen im österreichischen Strukturplan Gesundheit nicht vor. Die Betreuung der PatientInnen – und in der Alpenrepublik sind das immerhin rund 80.000 Menschen – liegt in den Händen einiger weniger SpezialistInnen, die sich dieser PatientInnen mit Herz und Verstand annehmen. Wir fordern schon seit einiger Zeit die Einrichtung von spezialisierten Zentren für PatientInnen mit CED – bis dato leider vergeblich (Prof. Reinisch ist auch Leiter der CED-Arbeitsgruppe der Österreichischen Gesellschaft für Gastroenterologie und Hepatologie, Anm. der Autorin). Aber auch die Allgemeinbevölkerung sollte besser informiert werden, um bei den ersten Anzeichen für eine chronisch entzündliche Darmerkrankung einen Arzt bzw. eine Ärztin aufzusuchen.
Die CED-Arbeitsgruppe hat vor einigen Monaten den „ced-check“ ins Internet gestellt – was ist das?
Reinisch: Wir haben mit www.ced-check.at eine Website implementiert, mit der wir feststellen wollen, ob der Fragebogen zum Verdacht auf eine CED eine sinnvolle Maßnahme zur Früherkennung darstellt. Jede Person kann diesen Test auf unserer Website anonym ausfüllen. Wir wollen aber auch die ÄrztInnen ins Boot holen, um die Sensibilität für diese Erkrankungen zu steigern. Allerdings füllen zwar jeden Monat rund 300 Privatpersonen diesen Fragebogen aus – aber nur zwei bis drei AllgemeinmedizinerInnen. Wir haben in einer groß angelegten Aktion alle AllgemeinmedizinerInnen in Österreich dazu aufgerufen, sich an unserer Studie zu beteiligen. Das magere Ergebnis mag sich durch mangelndes Interesse einerseits und durch begrenzte zeitliche Ressourcen anderseits erklären lassen. Es wäre allerdings sehr wichtig, dass möglichst viele ÄrztInnen sich an dieser Aktion beteiligen, damit wir in zwei bis drei Jahren genügend epidemiologische Daten haben, um die Validität des CED-Checks kalkulieren zu können. Der Fragebogen besteht aus zehn kurzen Fragen, die sehr rasch beantwortet werden können und eventuell eine Hilfestellung für die rasche Diagnose einer CED bieten. Denn derzeit dauert es immerhin rund drei Jahre bis die Diagnose CED korrekt gestellt wird.
Wie sollte die CED- Diagnostik lege artis durchgeführt werden?
Reinisch: Wenn der Verdacht auf eine chronisch entzündliche Darmerkrankung vorliegt, muss der Hausarzt/die Hausärztin den Patienten zu einem Spezialistin überweisen, das kann ein Gastroenterologe oder auch ein Chirurg sein, der sanfte Koloskopien durchführt. Mit Hilfe einer Ileokoloskopie und der Biopsierung aller eingesehen Darmabschnitte lässt sich die Diagnose erhärten.
Die „sanfte“ Koloskopie, bei der der Patient im Dämmerschlaf liegt und keine Schmerzen verspürt, ist aber leider immer noch allzu oft die Ausnahme. Hinzu kommt, dass PatientInnen häufig mehrfach untersucht werden, bis eine Diagnose gestellt werden kann. Das erklärt die lange Zeit bis zur korrekten Diagnose. Und wie gestaltet sich eine optimale Therapie?
Reinisch: Wir arbeiten derzeit an den Voraussetzungen, die spezialisierte CED-Zentren erfüllen müssen. Zurzeit sieht der optimale Weg so aus: Nach der Diagnose wird von der CED Spezialambulanz ein Therapieplan erarbeitet, der dann gemeinsam mit dem niedergelassenen Allgemeinmediziner und niedergelassenen Facharzt umgesetzt wird.
Dies sollte innerhalb maximal eines halben Jahres erfolgen – denn je früher die Therapie einsetzt, desto eher können Hospitalisierungen und Operationen am Verdauungstrakt vermieden werden. Die Behandlungsmöglichkeiten sind in den vergangenen zehn Jahren deutlich besser geworden, wenn uns auch nicht, wie den RheumatologInnen, eine so breite Range an Medikamenten zur Verfügung steht.
Leider hat sich nämlich herausgestellt, dass Arzneimittel, die im Mäuseversuch erfolgreich CED bekämpfen konnten, beim Menschen zumeist unwirksam geblieben sind. Deshalb ist die klinische Forschung auch so wichtig. Es kann nicht sein, dass wir transgene Mäuse mit CED heilen können, aber keine Menschen.
Wie wird CED medikamentös behandelt?
Reinisch: Im Wesentlichen stehen uns für die Colitis ulcerosa fünf Mesalazine, Cortison, Immunsuppressiva und ein Anti-TNF-?-Antagonist zur Verfügung. Bei Morbus Crohn ist die Therapiepalette um einen weiteren Anti-TNF-?-Antagonisten erweitert. Wichtig ist: Wenn der Patient Cortison benötigt, ist die Überweisung zum Spezialisten für CED unbedingt erforderlich. In Österreich ist es aber leider immer noch so, dass die ärztliche Einschätzung in die Richtung geht: Ich kann alles und darf mir alles zutrauen. Das führt in dieser speziellen Situation allerdings nicht zum Erfolg.
Derzeit arbeiten Sie an der Einrichtung eines „Darmfonds“ – was soll damit geschehen?
Reinisch: Das ist richtig. Wir versuchen einen Fonds zu gründen, der von der öffentlichen Hand aber auch von der interessierten Industrie gesponsert werden soll. Besonders die Lebensmittelbranche wollen wir hierfür gewinnen. Wir wollen damit klinische Wissenschaft in Österreich betreiben, um die Versorgung von CED-PatientInnen deutlich zu verbessern. Mit dem „Darmfonds“ wollen wir klinisch orientierte Untersuchungen subventionieren, um dem Rätsel CED näher zu kommen, Therapieoptimierungen durchführen zu können und damit letztlich den PatientInnen zu helfen – und nicht erkrankten Mäusen. Das Gespräch führte Sabine Fisch. | |



